“The Money Goes Directly to the Creator”
Eben bin ich über etwas gestolpert, das ist als Idee so wertvoll, dass es mich mal wieder zu einem Blogpost hinreißt – nicht weil das als Social Media Manager eben so zu meinen Aufgaben gehört, sondern aus Begeisterung. Here is, why:
Einer der Pioniere des Bloggens, der Internet-Aktivist, Creative-Commons-Vorkämpfer, Journalist und Science-Fiction-Autor Cory Doctorow predigt seit ich zum ersten Mal von ihm gelesen habe (ich behaupte mal, 6 Jahre könnte das her sein), dass DRM niemandem hilft, Geld mit eBooks zu verdienen, dass Verlage, die ihre Leser kriminalisieren, den illegalen Markt für digitale Publikationen befeuern und dass die Zahlungsbereitschaft für unbegrenzt kopierbare digitale Güter zwar vorhanden, nicht aber diktierbar ist, so wie das beim gedruckten Buch lange und weitreichend der Fall war. Und jetzt beweist er es auch.
Eben stolperte ich über “The Humble eBook Bundle” – eine Aktion, in der sich 12 unabhängige Autoren* zusammengeschlossen haben, um ihre eBooks zu verkaufen, als Bundle, zu einem vom Kunden selbst gewählten Preis. Stolpern konnte ich aber nur, weil “The Humble” in den letzten zwei Tagen groß genug geworden ist, um eine kleine Webwelle zu erzeugen. Groß genug heißt in diesem Falle, 1,000,000$ Umsatz groß und das, obwohl man alle eBooks auch ganz umsonst bekommen kann. Huiui.
Das System ist denkbar einfach: Ein paar unabhängige Autoren schließen sich zusammen, bündeln ihre eBooks für einen begrenzten Zeitraum ohne Preisschild, suchen Charity-Organisationen aus, mit denen sie den Gewinn teilen wollen und warten, was passiert.
Erwartungsgemäß entwickelt sich für das Bundle von zunächst 6 eBooks ein durchschnittlicher Preis, denn obwohl man auch “null Dollar” bezahlen könnte, sind viele Nutzer oder Leser bereit, sogar mehr für die Bücher zu zahlen, als die Titel einzeln kosten würden: für den guten Zweck, für die Idee, für die Vision, für die Publicity. Hat sich ein Durchschnittspreis etabliert, wird es sogar noch spannender, denn wer (und wenn auch nur einen Cent) mehr bezahlt, bekommt sogar 13 Titel statt der ursprünglichen 6 im Bundle. Und die Leute zahlen. 77,763 Leute in dieser** Minute:
Irgendwo zwischen den Ausreißern nach oben (über 1,000$) und denen nach unten (0$) pegelte sich mittlerweile ein Durchschnittspreis von etwa 14$ ein, den es zu toppen gilt, um in den Genuss des kompletten Pakets zu kommen – oder aber, um das zu zahlen, was man für angemessen hält. Angemessen – 14$?
14$ für 13 eBooks? Das klingt verdammt wenig – das klingt nach fast nichts, zumal die Knete ja noch ganz nach den Wünschen der Buchkäufer aufgeteilt wird:
14$, das klingt richtig wenig – und es ist doch eine Menge! Es sind wahre Massen an Geld, denn es sind bis jetzt umgerechnet 1,000,000 USD für 3 Charités, 1 Humble und 12 Autoren – es sind, selbst wenn wir eine für die Autoren noch recht ungünstige Verteilung von 50:40:10 annehmen, noch immer 500,000$ für 12 Autoren, das sind 42,000$ pro Autor, das ist mehr, als jeder einzelne Autor, den ich in Deutschland kenne, im ganzen letzten Jahr mit eBooks verdient hat. Es ist sogar mehr, als viele Verlage, die ich kenne, mit eBooks verdient haben, wenn wir es auf die 13 Titel runterrechnen, um die es hier geht.
Cory und die anderen Autoren (die absolute High Society der unabhängigen Autoren, zugegeben) haben sich über Jahre des Bloggens, des Schreibens und Vermarktens ihrer Texte eine Reputation und Anhängerbasis aufgebaut, die es ihnen ermöglicht, längst ohne Verlage und Buchhändler mehr Copies ihrer Werke zu verkaufen, als viele Tausende Autoren weltweit mit Verlagen. Sie statuieren mit ihrem Humble Bundle gleich mehrere Exempel und bereiten einen Weg, der beispielsweise auch für wissenschaftliche Publikationen eine große Bedeutung erlangen kann:
I) es geht ohne DRM, ohne Leser zu kriminalisieren.
II) es geht ohne Preisschild, gerade digital.
III) es geht zusammen besser.
IV) es geht ohne Verlag (im Zweifelsfalle sogar besser, weil man den ganzen Kuchen behalten kann, nicht nur … 20 oder 25% vom eBook-Umsatz)
Für Verlage, die in Zeiten des digitalen Business sowieso schon unter Druck, um nicht zu sagen unter Beschuss stehen, sind das bad news – es sind die Vorboten einer neuen Generation von Autoren, die die Spielregeln selbst schreiben wollen, die sich nicht vorschreiben lassen wollen, wo ihre Bücher mit welchen Konditionen, Preisen und Schutzmaßnahmen verkauft werden, die den Gewinn lieber mit Hilfsorganisationen und NGOs teilen als mit Verlagen – und die auch bereit sind, den riesigen Berg an Arbeit zu übernehmen, den die Abkehr vom institutionalisierten Publishing mit sich bringt.
Ich glaube nun nicht, dass jeder Autor in der Lage ist, Bücher mit derart großer Nachfrage zu schreiben. Ich glaube auch nicht, dass es jedem Autor gegeben ist, sich eine auch nur ansatzweise mit der von Neil Gaiman und Kelly Link zu vergleichenden Reichweite und Anhängerbasis zu erarbeiten oder dass im ungleich kleineren deutschen Markt (mittlerweile, eine Stunde später) 78.000 Bundles über den Router gegangen wären – aber ich glaube, dass wir hier mal wieder einen Evolutionssprung hin zu nutzerseitig gedachten und visionären, dennoch rentablen eBook-Vertriebsmodellen zu sehen bekommen, und ich glaube, dass Verlage gut daran tun, sich diese Vorgänge gründlich anzusehen, zu lernen und den Vordenkern zu danken. Nicht zuletzt der Charity-Aspekt bedarf hierbei einiger gesonderter Überlegungen, denn es verbindet die Teilhabe des Individuums wie beim Crowdsourcing mit dem Interesse am Produkt und das halte ich für einen neuen Weg der Wertschöpfung, der auch für etablierte Unternehmen zusehends spannender wird.
Zum Verinnerlichen hier noch einmal in aller Kürze die Zusammenfassung eines gelungenen Geschäftsmodells mit maximaler Teilhabe und minimalen Wertschöpfungskettengliedern:
..und Coreys kurzes Video zum Entstehen des Humble Bundels “The Money goes DIrectly to the Creator”
PS: Das Ganze findet auf einer einzigen Website statt, einer mit jeder gewöhnlichen Freeware umsetzbaren Webseite, in die man ein Statistiktool und ein Payment integriert – Internet kann so einfach sein.
* einige der Autoren werden in unabhängigen Imprints, bei sogenannten Indies verlegt. Angry Robote ist ein solcher Indie und deren Mission bringt recht gut auf den Punkt, worum es den Autoren geht. Autoren wie Neil Gaiman, die seit 20 Jahren erfolgreich publizieren und mittlerweile verfilmt bzw. vercomict werden, geben ihre Printlizenzen und teilweise auch ihre eBook-Lizenzen auch an Häuser wie Heyne und Bastei Lübbe, Pinguin und Randomhouse – ihr Werdegang und ihr Kampf für das eigene Recht am Text. John Scalzi könnte beispielsweise auch über Macmillan verlegt werden, was wiederum eine Holtzbrincktochter ist, bleibt aber beim SciFi-Imprint Tor.com – Science fiction & Fantasy Blog, Books, Stories, News, Forum // Tor selbst ist ein Zukauf, der jetzt nicht mehr als unabhängig bezeichnet werden kann, setzt aber dennoch Zeichen und wird das hoffentlich auch weiterhin tun. Andere Publisher der Printausgaben sind unabhängig und werden, wie Nagt Shake Books seit vielen Jahren von Autoren betrieben. Eine Anfrage bei Humble bzgl. der Lizenzen läuft.
** Montag 22.10.2012/21:34Uhr MEZ
UPDATE: Das Ergebnis des Humble eBook Bundle /24.10.2012
hier im Bild (s.u.) und hier in der Buchreportbesprechung vom 25.10.2012 durch Lucy Mindnich




