Kannibalisieren Flatrates den eBookmarkt?

Am vergangenen Freitag habe ich recht ausführlich aus Nutzersicht über die neue eBook-Bibliothek Skoobe berichtet und musste mir dafür, erwartungsgemäß, wenig begeisterte Fragen gefallen lassen: “Frau Splichal, da hatte ich mir aber etwas mehr Weitsicht erwartet! Wie kommt’s?” oder “Katja, seit wann gibst Du Dich mit einem harmlosen Usability-Check zufrieden, wenn ein neues Geschäftsmodell einen kompletten Bereich der Branche aufzuwirbeln im Stande ist?!” und dergleichen mehr. Die Antwort ist vergleichsweise einfach: Ich überlege mir vor dem Schreiben, für wen ich schreibe – und das waren am Freitag unsere PaperC-User, die sich für neue Plattformen interessieren oder einfach auch so gern wissen, was das Internet alles kann. Dennoch ließ mich das Thema nicht los und so stellen wir uns heute eine Frage, deren Beantwortung so leicht nicht zu werden verspricht: Kannibalisieren Flatrates den eBookmarkt?

Das eBook Henry haut ab von Tom Sharpe kostet beim Verlag Goldmann (einer Tochter der großen Verlagsgruppe Random House, die wiederum Bertelsmann eigen ist) €13,99 und ist damit immerhin* 22% günstiger als das frisch erschienene Hard Cover. Der Titel wird über mannigfaltige Kanäle vertrieben und kostet, eBook-Preisbindung sei Dank, überall eben jene €13,99: textunes.deWeltbild.deebookservice.deBuch.deBücher.deLibri.de und
Amazon (Reihenfolge aus Solidarität entgegengesetzt des Googlerankings) listen das Buch im dynamischen EPUB-Format optimiert für alle Endgeräte von iPad bis Android. Mit einem Download erwerbe ich ein Nutzungsrecht und das tatsächliche Eigentum an dem eBook, besser gesagt: an einer lizensierten Version des eBooks.

Dieses ist allerdings mittels harter oder weicher Sicherungsmechanismen des Digital Rights Management eingeschränkt: Ich kann das eBook nicht auf beliebig viele Endgeräte kopieren oder gar reproduzieren und ausgedruckt als Flugblätter verteilen. Das Eigentum an der Sache ist (DRM hin oder her!) mit Restriktionen verbunden, die sich teilweise aus übergeordneten Gesetzen ergeben, teilweise von Verlagen gefordert werden, die die teilweise unbegründet erwartete illegale Verteilung ihrer Inhalte unterbinden wollen. Soweit, so gut. Oder nicht gut, das wird die User-Experience zeigen.

Skoobe beschreitet nun einen anderen Weg und zwar einen an der Buchpreisbindung vorbei: mit einem sogenannten Leihmodell (streng juristisch handelt es sich um ein Mietmodell, weil Kosten anfallen!) mittels dessen lediglich ein zeitweise zugestandenes Nutzungsrecht, also ein Besitz, ähnlich wie beim Anmieten einer Wohnung, einhergeht. Diese Regelung ermöglicht Leihbibliotheken seit fast 200 Jahren ihren Geschäftsbetrieb und ist bisher für den Online-Sektor im kommerziellen Rahmen noch weitestgehend unerprobt. Unerprobt, weil Verlage und andere Inhalteanbieter eine Kannibalisierung ihres usprünglichen Geschäftsmodell fürchten, unerprobt weil der Kniff mit der monatlichen Befristung eines Besitzrechtes=Umgehung der Buchpreisbindung noch nicht lanciert wurde, unerprobt, weil es innerstes Selbstverständnis der Branche ist, Bücher zu machen, um sie zu verkaufen. Zu einem festen Preis. Punkt.
Zumindest ein großer Teil der Branche sieht das noch immer so und doch gibt es Skoobe, die für den belletristischen Bereich erste “Flatrate”-Plattform auf dem deutschen Markt. Zunächst als Joint Venture zweier großer Verlagsgruppen steht Skoobe allen interessierten Verlagen offen, die sich mit ihren Buchtiteln an der Flatrate beteiligen wollen: Flatrates machen nämlich nur Sinn, wenn sie die Interessen und Bedürfnisse einer breiten Nutzergruppe ansprechen und abdecken, also ein möglichst breites Spektrum der bunten Verlagsbranche abzudecken in der Lage sind. Oder?   

Screenshot iPad | Henry haut ab | (c) Design und Readerapp Skoobe

In diesem Falle nicht. Diese eine Flatrate macht in dem Moment Sinn, in dem ein eBook in jedem x-beliebigen Downloadshop mehr als €9.99 kostet und das ist bei nahezu allen Neuerscheinungen der Fall. Zurück zu Henry und seinen Töchtern: €13,99 im Verkauf, €9,99 in der Ausleihe. Ist der Preisunterschied gerechtfertigt durch die Einschränkungen der Leihfrist? Eher nicht. Nach dem ersten Monat Nutzungsrecht kann ich das eBook jederzeit wieder ausleihen, es zu Ende lesen und nebenher, sprich parallel, natürlich auch noch mein Anrecht auf einen (“normale” User) oder mehrere (die ersten 10.000 zahlenden User) Titel geltend machen. Bei anderen Titeln ist die Diskrepanz noch größer und selbst als “normaler” User spare ich in jedem Fall, in Einzelfällen bis zu 20€ gegenüber dem Einzeltitelkauf.

Im Unterschied zum gedruckten Buch bringt es beim eBook absolut keinen Vorteil, Eigentümer zu sein, statt es nur (vorübergehend) zu besitzten. Man kann keine Notizen reinkritzeln oder es hübsch verpackt mit einer romantischen Widmung versehen verschenken, man kann es nicht unbesorgt am Strand liegenlassen, weil es nur in Kombination mit einem teuren eReader Sinn macht, man schlägt in einem belletristischen Buch, ungleich dem Fachtitel, auch nach dem einmaligen Lesen in aller Regel nichts nach und schließlich taugt es noch nicht einmal zum Angeben, weil ein Onlineregal neben der gepflegten Heimbibliothek leider dann doch (noch) völlig unspektakulär ist und weder gut riecht noch stimmungsvolles Ambiente zaubert. Belletristik, die schöne Literatur, ist bis auf wenige Ausnahmen ein Konsumgut, ja, sogar ein Verbrauchsgut: Nach dem Schmökern hat Roman xy seinen Zweck erfüllt und kann getrost wieder im Datenpool versenkt werden – eine emotionale Bindung wird sich nur in den wenigsten Fällen einstellen. Für Verlage, die in jüngster Zeit zunehmend um ihre Position im neu sich formierenden eGeschäft bemüht sind, hat dies, je nach Abrechnungsmodell der Plattform im Wesentlichen zweierlei Folgen:

Auf der Habenseite stehen, je nach Verhandlungsstärke und -geschick, Marktmacht und eBook-Verkaufspreisen, gerade in der Belletristik die Erschließung einer wachsenden Userbase. Die btw. schon länger nach dem eBook ruft, bisher aber nicht bedient wurde und auf nicht-legale Ausweichangebote zurückgegriffen hat, an der Wertschöpfungskette vorbei. Hier lässt sich Geld verdienen, wo vorher Gewinne verloren gingen. Auf der Sollseite stehen aber all jene Verlage, die am Ende des Tages merken: “Durch unsere anteilige Umsatzbeteiligung am Verkauf der Flatrate erzielen wir zwar schöne Umsätze, verkaufen aber unsere Titel nicht mehr in anderen Plattformen zu den gebundenen Preisen, verlieren langfristig an Verhandlungsmacht (denn auch andere eBook-Seller werden auf das Leihmodell nicht verzichten wollen!!) und geraten zunehmend in eine Abhängigkeit von eben jenem Flatratemodell.” Die Ausschüttung pro Titel kann ja gar nicht mehr betragen als €9,99 / 2 (Titel, also im Regelfall auch 2 Verlage) minus (Steuer+Marge der Plattformbetreiber). Vielleicht bleiben 3 Euro pro Flatrateleser, der sonst €13,99 für den gleichen Titel ausgegeben hätte – wenn er ihn gekauft hätte! Vielleicht lesen aber auch einfach viel mehr Menschen das Buch, als es sonst jemals der Fall gewesen wäre? Hier müssen, wie in jeder anderen Branche mit hohem Innovationstempo (nun ja) Erfahrungen gemacht werden – immer mit dem dadurch unter Umständen langfristig stark abnehmenden Printgeschäft im Hinterkopf und einer möglicherweise auch dort nicht mehr für immer bestehenden Buchpreisbindung.

Die Fülle der Themen, in die sich die unerschöpfliche Betrachtung an dieser Stelle aufspaltet, könnte ganze (e)Bücher füllen:

  • Welchen Einfluss hat die Flatrate auf andere eBook-Seller, die (gerade erst im Entstehen begriffenen!) Geschäftsmodelle entwickeln und auf unsicheren Füßen gleiche Titel teurer anbieten?
  • Welche Neupositionierungen seitens anderer Verlagshäuser sind zu erwarten um Unabhängigkeit zu wahren ohne den Hype “Jahr der Flatrate” zu verpassen?
  • Wie schaffen es Plattformbetreiber (also auch wir bei PaperC!), die Verteilmechanismen und Konditionen langfristig so attraktiv zu gestalten, dass es für Verlage/Autoren/Distributoren etc. überhabt noch Sinn macht, weiter Bücher bereitzustellen und trotzdem die nutzerseitig gewünschte Flatrate zu betreiben?
  • Welche Abrechnungsmodelle ergeben sich aus dem Konflikt “Flatrate” (kann man etwas vermieten, was man gar nicht hat? Muss der Flatratebetreiber x “Kopien” von Buch y kaufen um sie dann ausschütten zu können? Wie werden Autoren entlohnt, die ja bestimmt keine Flatrate-Verträge unterzeichnet haben?)
  • Ist die “Cloud” als Mädchen für alles eine adäquate Form des Besitzes oder wollen Leser etwas anderes?
  • Wie ist ein eBook zu gestalten, dass in jedem Fall gekauft werden muss, weil besitzen/mieten eben nicht ausreicht?
  • Wie lange wird es dauern, bis genau das Modell (Skoobe) adaptiert wird oder jeder Verlag seine eigenen Flatrate gleich auf der Website mit anbietet?
  • Warum sollen Autoren ihre eBooks, deren Anteil am Gesamtumsatz der Branche rapide steigen wird, noch über den “Umweg Verlag” publizieren?
  • Und was passiert eigentlich, wenn Amazon sein Leihmodell auf unseren Markt ausweitet und ganz viele Verlage es sich aufgrund der doch auffälligen Marktmacht Amazons nicht erlauben können, nicht mitzumachen?

….und immer so weiter. Ich glaube, wir befinden uns an einem Turningpoint und wundere mich, dass die Branchenpresse noch nicht aktiver ist – Ich freue mich auch, wenn mir jemand sagt, dass ich ganz wesentliche Punkte außer Acht lasse oder einfach auf dem falschen Dampfer bin – Danke!

*Über die Preisfindung bei eBooks, die von vielen Lesern als ungerechtfertigt empfundenen, vergleichsweise hohen Kosten und die Frage, ob man für Inhalte oder die sie transportierenden Medien zahlt, erwarte ich dieser Tage noch einen Gastbericht aus berufenem Munde und lasse dieses Fass an dieser Stelle zu.

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