“Das Bild vom zerzausten Wissenschaftler gehört ohnehin längst in die Mottenkiste” Teil 1

Dr. Lilian Landes, die Leiterin des DFG-Projekts recensio.net, im Interview, Teil 1

Mit recensio.net wurde die erste interaktive Rezensionsplattform für die europäische Geschichts-wissenschaft ins Leben gerufen. Das Gemeinschaftsprojekt der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) München, des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP) und des Instituts für Europäische Geschichte (IEG) Mainz ist dem Open-Access-Gedanken verpflichtet und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert. Dr. Lilian Landes, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Elektronisches Publizieren der Bayerischen Staats-bibliothek tätig ist, leitet das DFG-Projekt, das sie im Rahmen der Buch Digitale bei einer Table Session genauer vorstellen wird. PaperC befragte sie zur Digitalisierung der Elfenbeintürme und den Vorteilen des digitalen Arbeitens.

recensio.net macht das Rezensieren zu einer interaktiven Tätigkeit, die klassische Publizierung umgeht und Kommunikation viel breiter und offener gestaltet. Ist das ein Versuch, Wissenschaftler aus den Elfenbeintürmen zu locken?
Das Bild vom zerzausten Wissenschaftler, der weltfern in staubigen Arbeitsräumen vor sich hin schreibt, gehört ohnehin längst in die Mottenkiste, auch in der Geschichtswissenschaft, an die sich recensio.net wendet. Gerade Historiker stehen im deutschsprachigen Raum seit Jahren in manchen Bereichen sogar an vorderster Front, was die Entwicklung netzbasierter Kommunikations- und Publikationsstrukturen betrifft. Die Bereitstellung digitaler (und digitalisierter) Medien gehört nicht erst seit gestern zum Kerngeschäft der großen (geistes-)wissenschaftlichen Bibliotheken wie der Bayerischen Staatsbibliothek, die 2008 ein „Zentrum für Elektronisches Publizieren“ gegründet hat.

Sicherlich richtig aber ist, dass es im Augenblick (noch) Unterschiede in den Arbeitsgewohnheiten gibt, die zumindest zum Teil auch generationsbedingt sind: Während viele Fachvertreter die ihr Forschungsgebiet betreffenden Fachjournale und darin enthaltenen Buchbesprechungen noch auf Papier über den klassischen Bibliotheksweg konsultieren, ist gerade bei der jüngeren Wissenschaftlergeneration – ganz zu schweigen von den Studierenden – zu beobachten, dass „schnelle“ Textgenres wie Rezensionen quasi nur noch online rezipiert werden. Die Rezension, die nicht frei verfügbar im Netz steht, wird von ihnen nicht wahrgenommen.

Dass die Art, wie „außerwissenschaftlich“ in sozialen Netzwerken oder – auf Bücher bezogen – auf kommerziellen Plattformen kommuniziert wird, mittel- und langfristig auch auf das Schreiben über wissenschaftliche Publikationen übertragen werden wird, ist mehr als naheliegend. Dafür müssen immer noch und weiterhin Qualitätsvorbehalte gegenüber „genuin digitalen“ Publikationen ausgeräumt werden, dafür müssen im Gutachterbetrieb langfristig netzspezifische Genres wie qualifizierte Kommentare anerkannt werden, dafür müssen schlichtweg geeignete Instrumente geschaffen werden, wie recensio.net das tut.

Mit einem „Ausbruch aus dem Elfenbeinturm“ würde ich das ungern beschreiben. Ich würde eher sagen, es geht uns darum, einen Open-Access-Aggregator für Rezensionen zu schaffen, der sowohl „klassische Rezensionen“ aus (Print- und Online-)Zeitschriften auf einer Plattform zusammenführt und durchsuchbar macht, als auch eine neue, innovative Art des Rezensierens erprobt, die das fragmenthafte, partikulare, flexible Kommunizieren des Web 2.0 auch für die Wissenschaft fruchtbar macht.

Sie selbst kommen aus dem Bereich der Geisteswissenschaften, deren Studium unter Umständen auch die Lektüre von älteren Originaltexten beinhaltet. Kann die Digitalisierung diese Lektüre ersetzen?
Das Gegenteil ist der Fall, die Digitalisierung fördert die Lektüre alter Dokumente! Vom konservatorischen Nutzen ganz zu schweigen. Dass der Umgang mit Primärquellen das Handwerkszeug des Historikers bleiben wird, steht außer Frage. Das Medium ist für diese Feststellung zunächst unerheblich, hat aber ohne Frage immense Auswirkungen auf den Aufwand, der für den Leser mit der Lektüre verbunden ist.

Ein Großteil der aktuellen Digitalisierungsprojekte, die beispielsweise auch an der Bayerischen Staatsbibliothek hinsichtlich ihrer großen Sammlungen seltener Drucke und Handschriften bestehen, dienen dem Zweck, gerade die bisweilen einmaligen Dokumente einerseits zu sichern, andererseits einem breiten Publikum frei zugänglich zu machen.

Wer früher Dokumente in einen Handschriften- oder Archivlesesaal bestellte, war sich in der Regel wirklich sicher, den Text für die eigene Arbeit verwerten zu können –  und er musste sollte das aus konservatorischer Sicht auch sein. Heute sinkt erfreulicherweise diese Hemmschwelle, und so profitiert nicht zuletzt der Genussfaktor bei der Lektüre alter Texte von der Digitalisierung.

Die recensio-Website unterscheidet zwischen verändertem Leseverhalten im Bezug auf Rezensionen und Aufsätze. Was ist damit gemeint?
Unterschiedliche Textgenres sind zur Lektüre am Bildschirm unterschiedlich geeignet – vielmehr: werden unterschiedlich „gern“ angenommen. Eine Buchbesprechung ist im Normalfall eher kurz, nicht länger als ein bis drei Seiten. Selbst traditionelle Fachvertreter, die einen langen Aufsatz oder gar eine Monographie lieber in Papierform lesen, erkennen den Nutzen, den eine zeitnahe Webpublikation und leichte Abrufbarkeit von Rezensionen bietet.

Das erklärt sich schon allein aus dem – um es Neudeutsch zu sagen – „Workflow“, in den die Rezensionsnutzung eingebettet ist. In erster Linie geht es dem Wissenschaftler um die inhaltliche Fragestellung, die ihn im Rahmen eines Forschungsprojekts umtreibt. Stößt er auf eine Publikation, über deren Wert hinsichtlich seiner eigenen Thematik er sich nicht sicher ist, liest er die zugehörige Rezension. Davon abhängig bestellt er das Buch (üblicherweise im Online-Katalog der Bibliothek) oder nicht.

Dass er froh ist, wenn er die Rezension zwischen Fund und Bestellung per Mausklick aufrufen und rasch am Bildschirm lesen kann, ist offenkundig. Demnächst wird recensio.net auch aus diesem Grund alle verfügbaren Rezensionen im OPAC der Bayerischen Staatsbibliothek direkt am Katalogeintrag des besprochenen Werks verlinken.

Der umgekehrte Weg ist natürlich ebenso wichtig: Dass ein Wissenschaftler den Rezensionsteil einer Fachzeitschrift, die grob seinem Forschungsgebiet gewidmet ist, regelmäßig konsultiert und so oft erst von der Existenz der einen oder anderen Neuerscheinung erfährt. Aus diesem Grund sind die kooperierenden Zeitschriften auf recensio.net auch gezielt ansteuerbar und „bandweise“ lesbar.

Gespannt, wie es weiter geht? Am Dienstag gibt es den 2. Teil des Interviews mit Dr. Lilian Landes!

Das Interview führte PaperC Mitarbeiterin Marie Ketzscher.

Update: Den 2. Teil findest du hier.

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