“Es gibt noch viel unausgeschöpftes Potential”
PaperC spricht mit dem offenen Think Tank “Internet und Gesellschaft Co:llaboratory”
Welche Rechtsformen sind in der digitalen Welt gültig und wie können sie verändert werden? Welche Innovationen hält die digitale Zukunft für die analoge Welt bereit? Diesen und ähnlichen Fragen widmet sich die 2010 von Google initiierte Kollaborationsplattform “Internet und Gesellschaft Co:llaboratory.” Das Co:lab hält die zunehmende Digitalisierung und ihre Folgen für zu wichtig, um sie dem Zufall oder einer kleinen politischen Elite zu überlassen. Aus diesem Grund erarbeiten verschiedene Internetexperten aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Wirtschaft gemeinsame Strategien zu verschiedenen Themenbereichen, unter anderem dem Urheberrecht, Open Government oder Privatheit und Öffentlichkeit. Die Ergebnisse werden als Abschlussberichte unentgeltlich veröffentlicht, so auch auf PaperC.
Grund genug, um mit den Co:lab-Mitarbeitern Sebastian Haselbeck und Dr. Max Senges einmal genauer über die Arbeit des Co:labs und die Chancen der Digitalisierung für den Nutzer zu sprechen.
Das Co:Lab versteht sich als “unabhängige Diskussions- und Kollaborationsplattform” – in Ihren Reihen findet sich aber auch ein Google-Mitarbeiter und überhaupt wurde das Co:Lab von Google initiiert – ist das nicht widersprüchlich?
In den Expertenkreisen sind Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Googles Experten nehmen dabei gelegentlich genau wie Experten anderer Akteure oder Unternehmen an den Initiativen und Arbeitsgruppen teil, wenn sie sich dort inhaltlich engagieren wollen. Jeder Experte vertritt dabei seine eigene Meinung und nicht die der Institution. Bei der inhaltlichen Arbeit aber auch bei der Auswahl der Themen sind die Experten des Co:llaboratory völlig frei.
Inwiefern fließen die Ergebnisse des Co:llaboratory in aktuelle politische Debatten ein?
Die Berichte versuchen ja einerseits neue Erkenntnisse und Argumente in die Debatte einzubringen, andererseits sind sie auch so gestaltet, dass sich auch Nicht-Spezialisten einen guten Ein- und Überblick über den momentan Stand der Diskussion verschaffen können. Mit den im Aufbau befindlichen “Ohus” (Maori für Arbeitsgruppen) des Co:lab gehen wir dabei noch einen Schritt weiter und laden ab sofort auch Kollegen aus Politik und Verwaltung direkt ein, mitzumachen. Für einen so jungen Thinktank sorgt die Arbeit des Co:llaboratory für ganz erstaunliche Resonanz. Über die zweite Initiative zu Open Government beispielsweise wurde in über 50 Medien berichtet. Darüber hinaus erreichen wir aber vor allem auch die Netz- und Fachpolitischen Kreise, so z. B. bei der re:publica und beim Abschluss unserer dritten Initiative zum Thema Urheberrecht.
Einen wichtigen Bestandteil Ihrer Arbeit stellen sicherlich auch die (Abschluss)berichte dar, die Sie regelmäßig als Open Access Publikationen veröffentlichen. Halten Sie Open Access für ein zukunftsvolles, nachhaltiges Konzept?
Unsere Publikationen werden unter einer Creative Commons Lizenz veröffentlicht. Dies geschieht ganz bewusst, weil wir damit eine möglichst große Leserschaft erreichen und die Hürde zur Teilhabe an der Debatte so weit wie möglich senken wollen. Gleichzeitig machen wir unsere Berichte, und auch unsere neue Discussion Paper Series, einfach im Web zugänglich, inklusive einer kommentierbaren Version. Das ist ganz im Sinne der Mission des Co:llaboratory, die fachlichen Debatten an die Öffentlichkeit zu tragen und Menschen aus allen Bereichen an der Debatte teilnehmen zu lassen.
In Ihren Publikationen geht es viel um den Nutzen der digitalen Veränderung. Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang eine Plattform wie PaperC, die es ihren Nutzern ermöglicht, gezielt Informationen auszuwählen und dann zu erwerben?
Digitale Informationen – vor allem auch wissenschaftliche – sollten so weit wie möglich jedem so einfach wie möglich zugänglich sein. Es ist eine wesentliche Errungenschaft des Internets, dass wir heute zumindest theoretisch ohne Hindernisse auf alle Informationen zugreifen können. Die meisten der existierenden Hürden sind konstruiert und meist rechtlicher oder strategischer Natur. Gerade in den Bereichen Wissenschaft, Bildung und Forschung (aber auch darüber hinaus) sollte es erstrebenswert sein, diese Hürden abzubauen. E-Book Plattformen, sowie insbesondere Lizenzmodelle wie Creative Commons, helfen dabei.
Ein Großteil der PaperC-Nutzer sind junge Menschen, meist Studenten – welche Projekte und Innovationen könnte diese junge Generation angehen?
Wir glauben es gibt noch viel unausgeschöpftes Potential, das Internet für Innovationen zu nutzen, die zum Beispiel gesellschaftliche Gerechtigkeit und individuelle Selbstverwirklichung ermöglichen. Nicht nur deswegen ist die Offenheit des Netzes – und auch Bildung und Medienkompetenz – so wichtig, denn das sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass junge Menschen sich kreativ entfalten, ausdrücken und politisch engagieren können.
Wir danken Ihnen beiden für dieses informative Gespräch!
Das Interview führte PaperC-Mitarbeiterin Marie Ketzscher