“Die Zukunft gehört der Digitalisierung”

Prof. Dr. Günter Faltin leitet den Arbeitsbereich Entrepreneurship der Freien Universität Berlin. Er ist Gründer der “Teekampagne” und Business Angel mehrerer Start-Ups, unter anderem der Fachbuchplattform PaperC. 2008 erschien sein Buch „Kopf schlägt Kapital“. Faltin plädiert für eine offene Kultur des Unternehmerischen. Wir sprechen mit ihm über die Arbeit mit Fachtexten, Buchdigitalisierung und die Zukunft des Lesens.

Günter Faltin

Herr Professor Faltin, welche Erfahrungen haben Sie mit der Arbeit mit Fachliteratur?

Insgesamt ist die Arbeit mit wissenschaftlicher Literatur heute noch sehr aufwändig: Ich muss in die Bibliothek gehen und dort suchen. Welche relevante Literatur ich finde, wird vom Zufall bestimmt, weil die Bibliotheken immer schmalere Budgets haben und nicht mehr das gesamte Spektrum anschaffen können. Möchte ich dann ein bestimmtes Buch ansehen, stoße ich auf weitere Probleme: Die Bibliothek hat oft nur wenige Exemplare. Die sind mal verliehen, mal nicht auffindbar, weil sie jemand in ein falsches Regal geräumt hat. Einige Bücher muss ich per Fernleihe bestellen. Wenn ich das Buch endlich in den Händen halte, fehlen möglicherweise Seiten, die ich brauche, weil sie jemand herausgerissen hat. Und wenn ich dann alles habe, muss ich zum Kopierer.

Wie ließe sich die Arbeit mit Fachliteratur verbessern?

Wenn die Literatur online stehen würde, ginge alles schneller und einfacher. Deswegen unterstütze ich mit voller Überzeugung die Open-Access-Bewegung, die wissenschaftliche Literatur mithilfe neuer Technologien frei zugänglich machen will. Ich glaube, in diesem Ansatz liegt die Zukunft.

Sie unterstützen auch PaperC, das deutsche Startup des Jahres 2009. Was überzeugt Sie?

PaperC greift ein Zukunftsthema auf, nämlich die Zukunft wissenschaftlichen Arbeitens. Das Portal erleichtert den Zugang zu wissenschaftlicher Literatur über ein klares, verhältnismäßig einfaches Konzept. PaperC nützt allen, die forschen und mit wissenschaftlicher Literatur arbeiten, ob für eine studentische Hausarbeit, eine Diplomarbeit oder Dissertation. Man kommt schneller an Fachliteratur, als wenn man in eine klassische Bibliothek geht. Zudem erleichtert PaperC den Umgang mit bibliographischen Angaben. Und wenn man Textstellen kopiert, werden Quellenangaben automatisch mit übernommen. Das ist für alle, die wissenschaftlich arbeiten, eine große Erleichterung.

Was könnte PaperC noch tun?

PaperC sollte jetzt vor allem daran arbeiten, noch mehr Bücher verfügbar zu machen, damit man sich einen Überblick über die wichtigste Literatur verschaffen kann. Eventuell könnte PaperC auch die technischen Funktionen weiter verbessern, zum Beispiel bei der Suche nach einschlägiger Literatur, die noch relativ lange dauert.

Sehen Sie PaperC als Open-Access-Portal?

Momentan liegen die meisten Fachtexte noch in Buchform vor. Deswegen ist es völlig richtig, dass man mit der Digitalisierung von Fachbüchern anfängt, wie PaperC es tut. Damit nimmt PaperC die Open-Access-Bewegung dort auf, wo bereits digitalisierte Bestände da sind. PaperC vereinfacht die Arbeit mit diesen Digitalisaten. Für mich liegt die Zukunft in der Open-Access-Bewegung. Die Verlage müssen sich deshalb überlegen, wie sie ihr Geschäftsmodell anpassen und sich öffnen, so dass ein Platz für sie da ist, auch in einer Welt digitalisierter Bücher.

Wie reagieren Verlage zur Zeit auf den Trend zur Digitalisierung?

Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Die moderner denkenden Verlage sind schon sehr aufgeschlossen. Andere Verlage sind eher abwehrend. Viele warten ab und schauen, was sich bewegt. Sie trauen der Richtung noch nicht ganz. Die Digitalisierung stellt ihr konventionelles Geschäftsmodell infrage, und sie sind unsicher: Welche Form, welches Format sollen wir jetzt verfolgen? Immer, wenn die Zukunft nicht klar ist – und wann ist sie das schon? – geht man Risiken ein. Die Reaktion der Verlage ist deshalb verständlich. Trotzdem würde ich jedem Verlag empfehlen, sich dem Thema Digitalisierung zu stellen und zu versuchen, in dieser neuen Form mitzuspielen. Die Skepsis ähnelt der in anderen Branchen: Viele Einzelhändler glauben, die Online-Verkäufe werden wieder zurückgehen. Ich glaube das nicht. Für mich gehört die Zukunft der Digitalisierung.

Werden Verlage, die ihre Bücher gar nicht digitalisieren lassen, verschwinden?

Es wird sie weiter geben, so wie es Pferdekutschen weiter gibt, obwohl die Mehrheit Auto fährt. Aber sie werden sehr stark an Bedeutung verlieren. Von Kaiser Wilhelm stammt der Ausspruch: “Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung, die Zukunft gehört dem Pferd.” Wenn man so eine Position einnimmt, muss man sich nicht wundern, wenn man auf dem Abstellgleis landet.

Was spricht aus Ihrer Sicht für und gegen die Digitalisierung von Buchbeständen?

Wenn es um Fachtexte geht, sehe ich wenig Gegenargumente. Um wissenschaftlich arbeiten zu können, muss man einschlägige Literatur schnell und vollständig finden können. Das ist in einer klassischen Bibliothek nicht der Fall, weil es Anschaffungsrestriktionen gibt. Selbst die Library of Congress in den USA, die größte Bibliothek der Welt, führt nicht alle Bücher. Wenn man online umfassend Zugriff hätte, wäre das eine enorme Erleichterung und würde sich auch in der Qualität der Forschungsarbeit niederschlagen.

Natürlich gibt es auch Menschen, die lieber ein klassisches Buch in die Hand nehmen, um zu lesen. Dabei spielt das Haptische eine wichtige Rolle: Sie möchten sich den Inhalt im wahrsten Sinne des Wortes vor Augen führen und hin- und herblättern. Wie die Pferdekutsche wird das Buch nicht ganz verschwinden. Rein technisch hat die Digitalisierung aber riesige Vorteile: Vollständigerer und schnellerer Zugang, einfachere Bearbeitung.

Bei der Digitalisierung sind immer Urheberrechte im Spiel. Wie kann man verhindern, dass Verlage und Autoren zu kurz kommen?

Bei PaperC ist gerade dies ein Anliegen und ein großer Vorteil: Dass man von der herrschenden Praxis der Schwarzkopie abweicht. Die meisten Studenten kopieren, ohne dass Verlag oder Autoren etwas davon haben. PaperC bietet einen sehr guten Kompromiss. Für die Studenten sind die Texte auf PaperC nicht teurer, als wenn sie sie kopieren. Gleichzeitig kommt ein Teil der Erlöse bei den Verlagen und hoffentlich auch bei den Autoren an. Das ist eine eindeutige Verbesserung der herrschenden Praxis. Ob es auf Dauer der ideale Verteilungsschlüssel ist, muss man abwarten.

Was ist Ihre Vision: Wie wird man in Zukunft lesen?

Das ist eine spannende Frage. Mir fällt eins auf: Das E-Book ähnelt noch sehr dem Buch in Papierform. Das ist wie bei den ersten Automobilen, die noch wie Pferdekutschen ohne Pferde aussahen. Erst allmählich merkte man, dass man das Automobil anders denken und von der Pferdekutsche Abschied nehmen kann. Heute besteht kaum noch Ähnlichkeit mit Kutschen. So sehe ich das auch beim E-Book. Ich glaube nicht, dass man sich an den Formen des Buches orientieren sollte, sondern überlegen, wie man auch ganz anders mit der fantastischen digitalen Technologie, die uns zur Verfügung steht, umgehen kann. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass man irgendwann Buchseiten an die Wand oder die Decke projiziert. Vielleicht stehen wir mit den Formen, wie und wo man lesen kann, erst am Anfang. Da könnte noch viel Neues auf uns zukommen.

Sie vergleichen den Prozess der Digitalisierung mit dem Übergang von Pferdekutsche zu Automobil. Ist die Digitalisierung eine ähnlich einschneidende Revolution wie die Erfindung des Autos?

Absolut. Die Digitalisierung wird unser Leben völlig verändern. Sie hat es zum Teil schon. Ich hätte mir vor zehn Jahren nicht vorstellen können, wie viele Stunden ich heute am Laptop verbringe, wieviele Emails ich verschicken und wie zentral Ordner und Suchvorgänge auf meinem Computer für meine Arbeit sein würden. Das ist bereits eine enorme Veränderung, eine, wie ich finde, positive. Und wir stehen immer noch am Anfang. Die Möglichkeiten der Digitalisierung sind noch lange nicht ausgeschöpft.

Herr Professor Faltin, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Anja Krieger für PaperC

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